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Obdachlose mit Hund willkommen

Wohnungslosenhilfe eröffnet Treff, Beratungs- und erstmals Übernachtungsstelle

380 Wohnungslose leben in Dresden – es könnten aber auch deutlich mehr sein, die Dunkelziffer kennt niemand. Im Dezember eröffnet die Diakonie – Stadtmission Dresden im Hechtviertel die erste Übernachtungsstelle für Wohnungslose mit Hund.

Schluckauf nennt Ronny seinen elf Monate alten Mischlingsrüden. Der 22-Jährige hat buntes Haar, zahlreiche Piercings in der Unterlippe und lebt auf der Straße. Im Schorsch, dem Tagestreff für wohnungslose Menschen der Diakonie, ist er regelmäßig. „Im Winter bin ich öfter hier“, sagt er. Und Schluckauf ist selbstverständlich dabei, denn ins Schorsch können Gäste ihre Tiere mitbringen. „Ein Hund vermittelt Wärme und ist ein treuer Begleiter. Er hilft den Menschen, ihre Einsamkeit zu überwinden – und sie haben ein Lebewesen, für das sie da sein können“, sagt Dagmar Zimmermann, die Leiterin der Kontakt- und Beratungsstelle für Wohnungslose der Diakonie. „Die Tiere erfüllen einen therapeutischen Zweck“.

Reichlich Ärger wegen der Tiere

Manchmal wimmelt es hier richtig von Vierbeinern. „Mehr als 40 Besucher haben einen Hund“, sagt die Sozialarbeiterin. Erst durch die Erfahrungen im Schorsch haben die Sozialarbeiter gemerkt, wie viele wohnungslose Menschen einen Hund haben. Doch in den städtischen Übernachtungsstätten und den Nachtcafés sind Vierbeiner nicht gestattet – Hundebesitzer sind dort daher seltener Gast. Sie nächtigen oft mit ihren Hunden im Freien, in leeren Häusern oder bei Bekannten, was dann auch dort zu Spannungen wegen der Tiere führen kann. Im Dezember wird die Diakonie daher die erste Übernachtungsstätte für Wohnungslose mit Hund eröffnen. Elf Schlafplätze, darunter sieben Einzelzimmer, wird die Herberge „Niklashof“ auf der Hechtstraße haben. Für sieben Euro gibt’s dann nicht nur ein warmes Bett, eine Dusche und, falls notwendig, frische Kleidung, sondern auch einen Platz für das Tier. Dagmar Zimmermann und ihre Kollegen sehnen die Eröffnung bereits herbei. Zurzeit befinden sich ihre Kontakt- und Beratungsstelle, das ambulant betreute Wohnen und die Kleiderkammer im Erdgeschoss auf der Albertstraße 15/17 gleich neben der Markthalle. Übergangsweise – die alte Unterkunft auf der Georgenstraße 3 musste im Juli geräumt werden, doch die neue auf der Hechtstraße 73 (siehe Kasten) war noch nicht fertig. So kam es zu dem Zwischenstopp im alten Neustädter Sozialamt. „Wir sind die einzige Anlaufstelle dieser Art für wohnungslose Menschen oder solche, die davon bedroht sind“, sagt Dagmar Zimmermann. Die angespannte wirtschaftliche Situation der letzten Jahre spiegelt sich in der steigenden Anzahl der Beratungen wider. 320 Männer und Frauen besuchten 2002 die Wohnungslosenhilfe, darunter 162 Obdachlose – in diesem Jahr wurden diese Zahlen bereits im Oktober erreicht.

Mehr Klienten, häufigere Beratungen, weniger Zeit

2001 betreuten die Sozialarbeiter noch 237 Klienten (91 Wohnungslose). Die Diakonie erwartet für dieses Jahr einen neuen unerfreulichen Höchststand. Inzwischen ist mehr als die Hälfte der Beratungsuchenden ohne Bleibe. Etwa ein Viertel sind Frauen, immer öfter allein Erziehende. Auch die Anzahl der Kontakte nimmt stark zu: „Da wir uns nur um das Notwendigste kümmern können, müssen unsere Klienten öfter kommen. Anders schaffen wir die Arbeit einfach nicht.“ Folge: Lange Wartezeiten. Doch nicht jeder kommt zur Diakonie. „Uns sind etwa 380 Obdachlose in Dresden bekannt, ein Viertel sind Frauen, Kinder und Jugendliche“, sagt Christine Letowa, Abteilungsleiterin im Sozialamt. Hauptursache für Wohnungslosigkeit sei nach wie vor die Folge von Räumungen wegen Mietschulden. Ronny kommt nicht nur zum Aufwärmen ins Schorsch. Auch er lässt sich in der Beratungsstelle bei seinem Papierkrieg mit den Behörden und der Suche nach einer Wohnung helfen. Bis es soweit ist, wird er wohl auch hin und wieder mit Schluckauf im Niklashof auf der Hechtstraße übernachten.

Von Alexander Schneider

Quelle: Sächsische Zeitung Donnerstag, 13.11.2003

Obdachlosenstätte erhitzt Gemüter im Hechtviertel

Ortsamtsleiter Künzel: Wir wissen von nichts

Nachdem die SZ am vergangenen Donnerstag über den Umzug der Wohnungslosenhilfe ins Hechtviertel berichtet hatte, gibt es dort jetzt Ärger: „Wir haben schon ein Obdachlosenheim auf der Buchenstraße. Nun sollen 100 Meter daneben elf weitere Betten auf der Hechtstraße dazukommen – das wird ein bisschen viel.“ Das sagt Holger Mueller (parteilos), Hechtviertelbewohner und stellvertretender Ortsbeirat der Bündnisgrünen. Er bezeichnet Wohnprojekte für schwer erziehbare Jugendliche oder das alternative Jugendzentrum AZ Conny auf der Rudolf-Leonhard-Straße bereits als negativ für sein Viertel. Deshalb kritisiert er das Projekt der Diakonie. „Die Obdachlosen sitzen tagsüber im Park oder auf dem Spielplatz und trinken Bier“, sagt Mueller. „Es gibt Dreck und Probleme mit Anliegern.“ Sein Fazit: „Wir haben hier genug Sozialprojekte.“

Wie viele hat Mueller erst aus der SZ erfahren, dass die Wohnungslosenhilfe der Diakonie – Stadtmission Dresden jetzt auf die Hechtstraße 73 zieht. Dort sei man darüber allerdings entsetzt, sagt Mueller. Daher wird sich schon heute der Neustädter Ortsbeirat mit dem Umzug befassen. Laut Mueller soll das Rathaus erklären, „wie viele soziale Einrichtungen hier noch installiert werden?“ Auch der Neustädter Ortsamtsleiter Manfred Künzel war überrascht, als er in der SZ von den Plänen der Diakonie las: „Selbst die Bauaufsicht wusste von nichts. Wir müssen jetzt klären, ob die Umzugspläne anders hätten ablaufen müssen.“ Eine Übernachtungsstätte sei ein hotelähnlicher Betrieb und eventuell genehmigungspflichtig.

„Vielleicht hätten wir unser Projekt früher im Viertel bekannt machen sollen“, sagt Diakonie-Abteilungsleiter Michael Heinisch selbstkritisch. Im Ortsbeirat will er heute die Einrichtung vorstellen. Dennoch versteht er die Aufregung nicht. „Wir haben immer ein tolles Verhältnis mit unseren Nachbarn gehabt. Erst auf der Kamenzer, dann der Georgenstraße und auch jetzt auf der Albertstraße“, sagt Dagmar Zimmermann, Chefin der Wohnungslosenhilfe. Neben der Kontakt- und Beratungsstelle für Wohnungslose, dem ambulant betreuten Wohnen und der Kleiderkammer ist im Niklashof auch eine Übernachtungsstätte mit elf Schlafplätzen für Menschen mit Hund geplant. Der Treff Schorsch sei eine der wenigen Einrichtungen für Obdachlose, die tagsüber offen sind. Wenn auch nur dreimal die Woche.

Von Alexander Schneider

Quelle: Sächsische Zeitung Dienstag, 18.11.2003

Vandalen zerstören Fenster von Obdachlosenstätte

Anwohner in Angst / Kritiker muss sich rechtfertigen

Der Konflikt um den neuen Standort der Wohnungslosenhilfe auf der Hechtstraße 73 eskaliert. Unbekannte haben in der Nacht zum Mittwoch eine Fensterscheibe der neuen Übernachtungsstätte „Niklashof“ eingeworfen. „Ich mache mir Sorgen, dass das jetzt häufiger passiert“, sagte Dagmar Zimmermann, die Leiterin der Diakonie-Einrichtung. Die Polizei ermittelt. Heute muss sich der stellvertretende Ortsbeirat Holger Mueller (parteilos) vor der Stadtratsfraktion der Bündnisgrünen rechtfertigen. Er vertritt die Grünenfraktion im Neustädter Ortsbeirat und hatte sich in der SZ vom Dienstag kritisch über den neuen Standort der Wohnungslosenhilfe geäußert. Es gebe im Hechtviertel bereits genug „negative Sozialprojekte“, sagte er zu den Umzugsplänen der Diakonie in den Niklashof. Die Fraktion der Bündnisgrünen/Freie Wähler distanzierte sich noch am selben Tag von Muellers Äußerungen. „Wir unterstützen die Einrichtung eines Obdachlosenheims an dieser Stelle“, sagte Fraktionssprecherin Eva Jähnigen. Die Wohnungslosenhilfe der Diakonie – Stadtmission Dresden will als neues Angebot eine Übernachtungsstätte für Menschen mit Hunden eröffnen. Elf Schlafplätze sind in der neuen Einrichtung vorgesehen (siehe SZ vom vergangenen Donnerstag). Wie Mueller haben auch die Anwohner erst aus der Zeitung von den Umzugsplänen erfahren – und sie machen sich nun Sorgen. „Es gibt auf der Buchenstraße bereits ein städtisches Obdachlosenheim, und nun sollen auch noch Menschen mit Hunden kommen“, sagte etwa Angelika Eichler. Sie habe Angst vor unangeleinten Tieren und Tretminen. Die Frau sammelte 30 Unterschriften im Viertel, um die Einrichtung zu verhindern. „Wir haben hier sehr schlechte Erfahrungen mit Nachbarn gemacht. Das war auch ein betreutes Wohnprojekt“, sagte sie.

Eine Versammlung soll nun klären helfen

Bereits am Dienstagabend befasste sich der Ortsbeiratleiter Michael Heinisch und Dagmar Zimmermann stellten den Niklashof vor. Das Modellprojekt werde sogar vom Sächsischen Sozialministerium gefördert. Hier kritisierte Holger Mueller das Informationsmanagement der Diakonie, das zu „Irritierungen“ geführt habe. Überraschend sagte er jedoch nun, dass er das Angebot der Wohnungslosenhilfe und seine Ausweitung für notwendig halte: „Obdachlose kommen nicht gut weg – aber die Informationspolitik kann ich nicht gutheißen.“ Der Umzug sei seit Monaten bekannt. Der Ortsbeirat beschloss, dass das Rathaus eine Einwohnerversammlung einberufen soll, bei der das Thema behandelt werden muss. Die Diakonie sagte zu, am 4. Dezember einen Tag der offenen Tür zu veranstalten. „Unsere neuen Nachbarn werden wir schon zur Eröffnung am 3. Dezember einladen“, sagte Dagmar Zimmermann.

Von Alexander Schneider

Quelle: Sächsische Zeitung Donnerstag, 20.11.2003

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